Jugend in der DDR und Verhaftung
Norbert Sachse wuchs in einem kommunistischen Elternhaus auf, war Mitglied der FDJ und der GSD. Ursprünglich plante er, sich in Moskau weiterzubilden, um den Kommunismus aktiv zu unterstützen. Doch sein Weltbild änderte sich schlagartig, als er im August 1968 miterlebte, wie russische Panzer seine Heimatstadt Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) verließen und Prag besetzten. Dieses Ereignis erschütterte sein Vertrauen in das System.
Beeinflusst von dem Tschechen Jan Paluch, der sich selbst auf dem Wenzelsplatz in Prag verbrannte, begann Herr Sachse, seine Meinung offen zu zeigen. Er malte Hakenkreuze an Wände - nicht um den Faschismus zu unterstützen, sondern als Protest gegen das kommunistische System, das im Jahre 1968 - wie einst Hitler 1939 - mit deutschen Panzern in Prag einfiel. Auch kaufte Herr Sachse einem Soldaten für vier Flaschen Wodka seine Waffe ab und verteilte eigene Flugblätter gegen den Einmarsch in Prag in Briefkästen und in einem Kaufhaus. Was er nicht wusste: Die Stasi hatte ihn bereits im Visier.
Gefängniszeit und politische Wende
Nach seiner Verhaftung wurde er verhört und für 14 Tage in eine Zelle ohne Beschäftigung gesteckt. Um nicht den Verstand zu verlieren, rezitierte er Gedichte aus dem Gedächtnis.
Derweil wurden seine Mitschüler und Freunde befragt. Bei der Durchsuchung seines Zimmers in der Wohnung der Eltern fand man Flugblattentwürfe. Deshalb wurde er von der Berufsschule und Ausbildung suspendiert und verbrachte zwei Jahre und neun Monate in Haft: zunächst im Jugendgefängnis Torgau, dann als Erwachsener in Cottbus. Gleich zu Beginn des Vortrags stellte Herr Sachse den ersten Tag im Jugendgefängnis Torgau dar. Der Bericht folgte seinem Buch „Die Akte S, Fünf Jahre in den Mühlen des MFS“. Die Zellen waren mit zehn Personen belegt und klein, es gab auch eine Art Käfig für Einzelarrest. Dort bekam man nur drei Scheiben Marmeladenbrot am Tag. Eindrucksvoll schilderte Herr Sachse den Gefängnisalltag sowie die strengen Hierarchien mit Machtkämpfen unter den Insassen. Ein Anwalt wurde Herrn Sachse während seiner gesamten Haft verweigert. Die Gefängniszeit war von Schikanen und psychischer Gewalt geprägt. Nach seiner Entlassung stand Herr Sachse weiter unter Beobachtung. Als er 1974 auf dem Berliner Alexanderplatz versuchte, sich wie einst Jan Paluch öffentlich selbst anzuzünden, um auf sein Leid aufmerksam zu machen, kam er erneut in Haft - diesmal in die Haftpsychiatrie Waldheim.
Freilassung und Leben in der BRD
Dort wurde ihm angeboten, früher entlassen zu werden, wenn er seine Berufung gegen die lange Haftdauer zurückzog. Ein Jahr später wurde er im Ausreisegefängnis Berlin 1 untergebracht. Von da kam er mit anderen Häftlingen per Bus in die BRD, denn die Bundesregierung hatte alle von der DDR freigekauft. Er war im Durchgangslager Gießen, fand bei Verwandten in Göttingen Halt und absolvierte eine Ausbildung als Außenhandelskaufmann.
Er lernte seine Frau in Spanien kennen, mit der er in München eine Firma und ein Hotel gründete. Heute lebt er mit seiner Familie in Heidelberg.
Fragen und Reflexion
Am Ende des Vortrags wurden dem Referenten verschiedene Fragen gestellt. Zunächst erläuterte er die Beziehungen zu Vater und Mutter während und kurz nach der Haft. Eine weitere Frage war, ob er es bereue, sich selbst angezündet zu haben. Er erklärte, dass er nicht nur dies bereue, sondern auch viele Entscheidungen heute anders treffen würde.
Abschließend hatten wir die Möglichkeit, unter vier Augen Fragen zu stellen und so noch tiefer in sein Leben in der DDR einzutauchen.
Hannah Weichel (MSS 13)
