Dieser begann zunächst mit Wortassoziationen zu den Begriffen "Gestapo" und "Asozial", bei denen die Schüler sämtliche Begriffe, die ihnen zu den obigen beiden einfielen, der Referentin nennen sollten, um das Vorwissen aller auf den gleichen Stand zu bringen. Zur Freude der Referentin kam hier bereits einiges zusammen, sodass die anschließende Einführungspräsentation sich hauptsächlich auf die lokalen Gegebenheiten der Gestapozentrale Neustadt an der Weinstraße beschränkte. Die Schülerschaft stellte reichlich Fragen zu den Räumlichkeiten sowie den Haftbedingungen vor Ort. Diese wurden erwartungsgemäß als grausam, nahezu unmenschlich und fernab heutiger Standards beschrieben. So war zum Beispiel von den sogenannten "verschärften Verhören" die Rede, die anders als in den Akten beschrieben, nichts anderes als Folter waren. Die Geräuschkulisse dieser war deutlich auf der belebten Luitpold-Straße (heute Konrad Adenauer-Straße) zu hören und stellte so das Hauptziel der Gestapo vor Ort sicher: Präsenz durch Angst unter der Bevölkerung.
Nach diesem sehr interessanten Beginn in den Tag folgte die erste von zwei Arbeitsphasen, in der wir uns zunächst zwei Quellen zur Definition des nationalsozialistischen Begriffs der „Asozialität“ widmeten. Es wurde schnell deutlich, welchen Zweck dieser hatte: Er sollte als Möglichkeit für die willkürliche Verhaftung von Jedermann dienen und ein möglich breites Spektrum von Eigenschaften abdecken. So ergaben unsere Recherchen beispielsweise die Liste folgender Beschuldigter: Wohnungslose, Bettler, Landstreicher, Zigeuner, Prostituierte, Alkoholiker, Suchtkranke, Personen mit ansteckender Krankheit, Arbeitsverweigerer, Gelegenheitsarbeiter, Fürsorgeempfänger, Zuhälter, Juden, politische Gegner, Homosexuelle, säumige Unterhaltspflichtige und Arbeiter in der Kriegswirtschaft, denen man ungenügende Arbeitsleistung nachsagen konnte. Durch die Definition als “Asoziale”, war es den Nationalsozialisten möglich, diese Gruppen zum einen gesellschaftlich auszugrenzen und zum anderen durch die Gestapo verfolgen zu lassen.
Um das Vorgehen und den Verlauf einer Verfolgung durch die geheime Staatspolizei besser nachvollziehen zu können, folgte in der 2. Arbeitsphase eine hochinteressante Quellenarbeit mit der unveränderten Fotokopie einer originalen Gestapo-Akte. Vorgelegt wurde uns das besagte Dokument über einen Herrn Bruno Paul Kloppot, der auf Grund mehrerer Verbrechen und Ungepflogenheiten in das Visier der NS-Behörden geraten war. Um uns nicht völlig in der Quelle zu verlieren, gab man uns gewisse Leitfragen vor, die unsere Arbeit strukturieren sollten und die es im Nachfolgenden zu beantworten galt: In der ersten von insgesamt vier ging es direkt um den Terminus der „Asozialität“ bzw. darum, wann dieser zum ersten Mal in der Akte auftauchte. Dazu fanden wir heraus, dass ein militärischer Vorgesetzter Kloppots ihn bereits in einem Bericht auf Seite 1 wegen der Weigerung, sich
Drill und Erziehung in der Truppe zu unterwerfen, als “unsoziales Element” verurteilte. Die zweite Frage konkretisierte unsere Nachforschungen und erfragte die erste Verfolgungsmaßnahme, die das Subjekt der Akte traf. Diese war eine kurze Inhaftierung für einige Wochen wegen Diebstahls. Die vorletzte Frage sollte die auf Frage 1 gegebene Antwort erweitern und beauftragte uns damit herauszufinden, welche Stigmata zum Asozialitätsvorwurf von den Gestapo-Beamten in der Akte vermerkt wurden. Besagte Beschreibungen lauteten beispielsweise: Frech, unsoldatisch, unsauber, unaufrichtig, unerziehbar oder staatsfeindliches Verhalten. Danach folgte die letzte der vier dargebotenen Fragen, die sich auf das tragische Ende des Herrn Kloppots bezog. Dazu ist es unverzichtbar zu wissen, dass es nicht bei Kurzinhaftierungen blieb, sondern die Maßnahmen sich bei ausbleibender Verbesserung drastisch intensivierten. Im Fall Kloppot entschied man sich im Endeffekt für die Internierung im Konzentrationslager Mauthausen.
Frage 4 lautete passend dazu, mit welchem Grund seine Entlassungsanfragen aus jenem abgelehnt wurden. Aus mehreren Schriftwechseln zwischen der Gestapozentrale Neustadt und der KZ-Leitung geht dazu hervor, dass man die erzieherischen Maßnahmen für noch nicht erreicht hielt. Diese Begründung war allerdings eine Standardfloskel, die die Nazis jederzeit anwenden konnten, um einen Häftling bis an sein Lebensende im KZ zu behalten. Auch Bruno Paul Kloppot verließ Mauthausen nicht mehr und verstarb noch im Lager an Lungentuberkulose.
Abschließend lässt sich sagen, dass der Workshop “Gestapo” für die ganze Stufe eine deutliche Wissenserweiterung darstellte und eindrucksvoll aufzeigte, wie die Gestapo auch in unserer ländlichen Region operierte. Vor allem die Definition der „Asozialität“ sowie auch das Arbeiten mit einer echten Personalakte schockierten und beeindruckten uns nachhaltig. Es war definitiv ein Workshop, der uns noch lange mahnend im Gedächtnis bleiben wird.
Tim Christmann und Finn Hentzel (beide MSS 13)
